wie ich zum storytelling kam

Ich war Studendin am Institut für Theaterpädagogik an der Universität der Künste Berlin. Dort begegnete ich zum ersten Mal, im Erzählseminar von Frau Prof. Wardetzky, dieser faszinierenden Kunstform und mir kam es vor, als hätte mich das Erzählen mein ganzes Leben begleitet, und darauf gewartet, wiedererkannt zu werden. Denn diese Begegnung war eigentlich ein déjà vu:

Ich sitze als sechsjähriges Kind vor der Haustür von Margherita, unserer Nachbarin. Es ist ein Sommerabend. Die Nachbarschaft sitzt im Stuhlkreis in unserer kleinen Sackgasse. "Carmela, erzähle nochmal Rotkäppchen. Du machst es so lustig" sagt sie mir und schaut mich liebvoll an. Ich erzähle. Immer wieder. Sie hört mich zu und ich bin glücklich. 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Storytelling ist die kleinste und reduzierteste Form des Theaterspielens, die nichts anderes braucht als einen Mensch, der erzählt und einen Mensch, der zuhört.

Das Storytelling lebt von der Unmittelbarkeit des gesprochenen Wortes, dem bewussten Einsatz von Mimik und Gestik des Erzählenden und vertraut auf die Imaginationskraft der Zuhörenden. Der Mensch als Vermittler imaginärer Welten ist also beim Erzählen unersetzbar. Denn diese Kunst, eine der ältesten Kunstformen der Welt, die so alt ist wie die Menschheit selbst, hat seinen Geburtsort in den Wünschen der Menschen: Wünsche zu kommunizieren, zusammen zu lachen, zusammen zu weinen und sich zusammen die Welt anzueignen. Fabulo ergo sum.

Diese sehr alte Kunstform hat viel mit Sehen zu tun. Beim Erzählen geht es weniger darum, eine Geschichte auswendig zu lernen und textgetreu wiederzugeben, sondern eher darum, in einer Geschichte spazieren zu gehen, daraus eigene Bilder zu entwickeln und  diese vor den erstaunten Augen der Zuhörenden entstehen zu lassen. Erst wenn der Erzählende Wörter vergisst, kann das Erzählen richtig anfangen.

 

Foto: Lenhardt

was  ist  storytelling?

Foto: Maria Carmela Marinelli

Das ist schon viele Jahre her und ich brenne noch immer dafür, Leute zu berühren, zum Lachen und zum Weinen zu bringen, erstaunen und vor Erleichterung tief seufzen zu lassen.

Geschichten werden also durch die Sprache, die Stimme und den Körper des Erzählenden visualisiert und zusammen mit dem Zuhörenden gesehen. Geschichten sind wie fruchbare Samen, die in die Fantasie der Zuhörenden gesäht werden, um dort neue Welten entstehen zu lassen. Und an diesen Welten dürfen alle teilhaben.